Entertainment statt Empathie

Tatort aus Hannover, „… es wird Trauer sein und Schmerz“. Sonntag, 15.11.2009 um 20.15 Uhr

Note: Sehr gut !

Ich hatte Maya noch versprochen, dass ich während meines „on transfer“-Status in Deutschland einen Tatort mitnehme. Jedes Mal, wenn ich mit der Rezension anfangen wollte, überrollte mich jedoch der Schlaf. Mein Biorhythmus ist einfach völlig auf den Kopf gestellt. Inzwischen naht das Ende der Woche, der nächste Tatort droht ausgestrahlt zu werden und ich befinde mich in einem Starbucks in Seattle. Chloes Chörper scheint heute früh zumindest diese Zeitzone akzeptiert zu haben. Also nun der Anlauf zur Rezension…

Letzten Sonntag musste ich erstmal mit meinem Dad um die „Macht“ kämpfen. Die Fernbedienung war ganz auf die ersten Kommunalwahlen im Kosovo getrimmt. Ein historisches Ereignis für den jüngsten Staat Europas. Kurz vor meinem Abflug gen Amerika tat mir mein Vater jedoch noch einen letzten Gefallen und räumte das Schlachtfeld. Während er mit der Verwandtschaft skypte, zog mich der Tatort aus Hannover in seinen Bann.

Ein Sniper macht die Stadt unsicher. Der Tatort scheint wie immer wieder etwas hellseherisch. Kann es Zufall sein, dass genau in der Woche der Hinrichtung des Snipers von Washington die Ausstrahlung fällt?

Im Großraum Hannover werden in immer kürzeren Abständen anscheinend wahllos Opfer erschossen. Die Uhr tickt und Charlotte Lindholm (alias hinreißende Maria Furtwängler) hat die Aufgabe, den Täter zu fassen. Jedoch scheint hinter den Taten kein Motiv. Die Opfer können in keinen Zusammenhalt gestellt werden. Lindholm gelingt es trotz ihres völlig rabiat vorgehenden und unsympathischen Hauptkommissars Kohl (Felix Vörtler), das verbindende Element zwischen den Opfern zu erkennen. Alle waren an Silvester an der gleichen Unfallstelle und haben in ihrer voyeuristischen Manier die Rettungseinsätze behindert. Da das Unfallopfer nicht rechtzeitig aus dem Auto gerettet werden konnte, starb es elendig. Der Spannungsbogen ist jedenfalls hoch. Nicht nur, weil Lindholm selber etwas paranoid wird und hinter jeder Ecke den Sniper vermutet. (Für mich recht nachvollziehbar. Ich befand mich zur Zeit des Snipers von Washington selbst in Washington und hatte tatsächlich ein mulmiges Gefühl beim Gedanken daran, dass ein Verrückter willkürlich tötet).

Mit dem verbindenden Element in der Hand kommen die Ermittlungen nun erdrutschartig ins Rollen. Zuerst wird ein Autobahnpolizist verdächtigt (warum muss er gerade der Schwager des Kriminaldirektors Stefan Bitomsky (Torsten Michaelis) sein, der Lindholm bei den Ermittlungen zur Seite gestellt wird? Das war dann etwas too much). Und obwohl dieser aufgrund der harten Verhörungsmethoden Kohls gesteht, folgt Lindholm ihrer Intuition und ermittelt weiter. Über ein Video-Portal im Internet gelangt sie zu Aufnahmen vom Unfall und zu dem Gesicht, das sie neulich als Gaffer am Ermittlungsort eines Toden zur Rage gebracht hat. Um Zufälle handelt es sich also schon lange nicht mehr. Der verstörte Blick ist dem Ehemann des Unfallopfers zuzuordnen. Das Motiv ist klar: RACHE. Die Hinterbliebenen sollten für ihre Behinderung am Unfallort gestraft werden. Und zwar „Auge um Auge“. Die Kondolenzkarte mit den Worten „Leere, Stille, Trauer & Schmerz“ ist als Hinweis darauf zu sehen, was er, der, der nur gefilmt und angegafft wurde, nach dem Tod seiner Frau durchmachen musste. Die Gaffer am Unfallort verwechselten Empathie – die jeden Menschen zum Helfen bewegt – mit Entertainment. Statt Verständnis steht Vermarktung im Hintergrund. Die Blogger sind stolz auf ihre 6000 Hits am Tag, nachdem sie ein Unfallvideo online stellen. Lindholm kann zumindest das letzte Opfer vor dem Ehemann des Unfallopfers retten. Im Krankenwagen erfährt sie vom angeschossenen und gestellten Täter, dass er und seine Frau damals auf dem Weg zu ihren Eltern waren. Sie wollte ihnen endlich von der Schwangerschaft erzählen. Er sei morgens mit dem Gefühl aufgewacht, dass das der schönste Tag seines Lebens sei. Das berührt und bewegt.

Ohne die um eine wunderbare Nuance ergänzte Lindholm wäre der Tatort nur halb so gut gewesen. Lindholm steht der Sohn! Das Kind schränkt sie keinesfalls als fantastische starke Frau in ihrer Arbeit ein. Ganz im Gegenteil! Die Erfahrung des Mutterseins ist ein Gewinn für ihre Ermittlungen. Sie ist einfühlsam. Jetzt, wo sie eindeutig selbst eine „Hinterbliebene“ ist im Falle ihr Sohn fiele einem Mörder zum Opfer, nimmt sie Trauer & Ängste ihrer Gegenüber noch sensibler wahr. Sieht, was ihr grobschlächtiger Kollege Kohl nicht sieht: Die Geschichte zum Menschen. Statt zu Schreien, wenn sie nicht weiterkommt, hört sie zu.

Das Sahnehäubchen bildete mal wieder ihr idiotischer Mitbewohner. Martin Felser (Ingo Naujoks) ist als Kriminalautor vom Serientäter völlig fasziniert und stellt selber ein Täterprofil auf. Seine literarische Neugier steht der der Gaffer in Nichts nach. Daher ermahnt Lindholm auch ihn, dass die Hinterbliebenen den Täter sicherlich nicht als faszinierend empfinden. Nur bleibt immer noch die Frage offen: Wer ist der Vater ihres Sohnes. Etwa Kriminaldirektor Bitomsky? Hab ich irgendwas verpasst?

Egal. Einfach ein schöner runder Tatort, der zeigt, dass wir unsere Umwelt nicht als Objekt gefiltert über Buchseiten oder Bildschirme wahrnehmen sollten. Hinter den Menschen stecken Subjekte. Subjekte, die Schmerz und Trauer empfinden, wenn ihnen etwas zustößt. Es muss uns nicht erst selber etwas zustoßen, damit wir Empathie lernen.

20 Jahre Friedliche Revolution – Der Sound zum Mauerfall

Ich weiß, ich weiß, man kann es eigentlich nicht mehr sehen, aber ich will auch nicht, dass wir bei SpreeSee als einzige darauf verzichten, darum hier – das berühmte UNVERZÜGLICH:

JA – jetzt ist es soweit, der Höhepunkt des Jubeljahres ist da,  heute steigt das große Fest der Freiheit. Berlin steht Kopf – und macht das 20 jährige Jubiläum des Mauerfalls zum riesigen Domino-Day. Rund herum gibt es natürlich ein riesen Partyprogramm mit der unterschiedlichsten Musik. Doch leider fehlen bei dem Line-Up – das ganz offensichtlich für jede Bevölkerungsgruppe etwas bieten soll – die Smash-Hits der Mauerfallzeit. Es werden Wagner und Beethoven gegeben, Bon Jovi und Paul van Dyk haben sogar extra Hymnen zum Anlass geliefert, der gute Paul ist wenigstens Berliner, aber was Bon Jovi mit dem Mauerfall zu tun haben soll, ist mir einfach schleierhaft.

Schlüssig und passend ist allerdings, dass zumindest auf der Pop-Ebene sowohl 1989 als auch 2009 eher mittelmäßige Musik die Feierlichkeiten begleitet – auch wenn PvD’s We are one erst heute Abend welturaufgeführt wird, erlaube ich mir diese Prognose.

Wer also nicht zum offiziellen Festakt geht oder wie unsere liebe Chloe weit weg weilt und nicht unbedingt – wie einst der Bundestag – spontan das Lied der Deutschen anstimmen mag, der kann sich hier mit mayner musikalischen Unterstützung (und der der taz) sein eigenes kleines Mauerfallfest basteln. Stilecht sind die Lieder aber nicht unbedingt ein Genuss…

Here we go – er hat quasi die Mauer zu Grunde gesungen, schade wirklich schade dass er heute nicht dabei sein darf:

Kannte ich als Wessi-Kind natürlich nicht, hat aber den Leuten offensichtlich aus der Seele gesprochen:

das selbe land zu lange geseh’n
die selbe sprache zu lange gehört
zu lange gewartet
zu lange gehofft
zu lange die alten männer verehrt

Das Lied hier kannte ich allerdings dafür umso besser und Chloe gestand unter Alkoholeinfluss sogar, es im Chor gesungen zu haben – DER KLASSIKER:

Das hier hatte ich sogar fast schon vergessen, aber hier soll es heute den finalen Ehrenplatz der 89er Songs bekommen:

Hoffentlich haben jetzt alle Gänsehaut und Tränen der Rührung in den Augen, wenn ich mit einem Prost auf die Einheit und auf die mutigen Mauer-Einreißer schließe.

Tatort – Schweinereien

Tatort aus Münster, Tempelräuber, 25.10.2009 – bleibt unbewertet

Tatort aus Berlin, Schweinegeld, 1.11.2009 – Note 2

Während Chloe in Argentinien gegen die Windböen kämpft, versuche ich im verregneten Deutschland der Tatort Pflicht alleine nachzukommen. Das ist nicht immer ganz einfach und deshalb musste die Rezension der Abenteuer unserer vielgeliebten Münsteraner ausfallen. Maya maynte nämlich das Wort „Live“ in Livestream nicht allzu ernst nehmen zu müssen und hatte gehofft, die Mediathek würde „Tempelräuber“ ein wenig länger zur Verfügung stellen – nix wars. So bleibt mir nur aus der Aussage meiner Mutter „Es war ganz witzig – der Gerichtsmediziner hatte beide Arme in Gips“ zu schließen, dass es mal wieder mehr Klamauk als Krimi war. Mehr als diese Vermutung steht mir jedoch nicht zu und auch der sonst so zuverlässige Tatortfan Stadtneurotiker scheint nicht geschaut zu haben.

Nach längerer Abstinenz gab es an diesem Sonntag also endlich mal wieder einen Tatort-Abend – und was soll man sagen? Er war sogar ganz gut.

Die Vorfreude trieb Charly und mich pünktlich vor den Fernseher, beim sonntäglichen Schnitzel mit Freunden wurde zuvor noch besprochen, was man vom Berliner Kommissar-Team zu halten hat. Einigkeit herrschte bei der Sympathie für das Ermittler-Duo Ritter und Stark. Wir mögen die beiden und sie begegnen uns auf unterschiedliche Weise im Alltag:

Während hier im Kessel angeblich gar ein Doppelgänger des stets verständnisvoll agierenden und mit scharfen analytischen Fähigkeiten ausgestatteten Stark alias Aljinovic herumläuft, beschreibt meine Berliner Redaktionskollegin ihn gerne mit dem wenig schmeichelhaften Vergleich „der, der aussieht wie ein Gnom“. Differenzen in der Einschätzung der Hierarchie – einige wollten den Stark doch glatt zum Helfer degradieren – sollten bereits kurz nach Sendebeginn von „Schweinegeld“ ausgeräumt werden.

Ritter landet nach einem ordentlichen Schlag auf dem Hinterkopf im Krankenhaus, zwar lässt der Fall ihn auch dort nicht los, die vordergründige Ermittlung übernimmt Stark jedoch alleine – von wegen Helfer. Unterstützung erhält er von Weber (immer schön kauzig und für einen trockenen Witz gut: Ernst-Georg Schwill), der endlich – nach Jahren des Faktenchecks vom Büro aus- auch einmal wieder „raus“ darf und sich dabei gar nicht so blöd anstellt. Sorry Ritter, das war mal eine ganz angenehme Abwechslung zu deinem sonstigen Stadtcowboy-Gehabe.

Inhaltlich bot der Film neben dem Tod des Besitzers einer Fleischfabrik, der nach ein paar Tagen Abwesenheit im Kühlhaus des eigenen Schlachthauses gefunden wird, eine Unmenge an Handlung und eine Vielzahl an Verbrechen und Verwicklungen. Das war einerseits verwirrend, andererseits ersparte es mir den vernichtenden Ruf

LANGWEILIG

aus Charlys Kehle, der wie ein Damoklesschwert über jedem Tatort hängt.

Die überladene Story voller Straftaten (Subventionsbetrug, Organisiertes Verbrechen, Menschenhandel, feindliche Übernahme, Körperverletzung, vorgetäuschte Entführung…) und menschlichen Abgründen (Betrug, Ehebruch, Vater-Sohn-Konflikt, verstorbenes Kind, Schuldgefühle, zerplatze Migrantenträume…) ließ in der Tat kaum etwas aus aber eben auch keinerlei Gähnen zu.

Am Ende hatte man eine ganze Menge Menschen mit ganz viel Dreck am Stecken gesehen und das Motiv des eigentlichen Täters, der als relativ sympathischer Unglücksrabe innerhalb der ganzen Schweinerei rüberkam, ist vielleicht etwas zu kurz gekommen.

Mehr ins Detail mag ich gar nicht gehen und nur sagen, dass ich mich trotz einiger Schwächen in Dramaturgie und Konstruktion durchaus gut unterhalten fühlte, es spannend und auch berührend fand. Da die Geschichte mir aber in fantastischen Bildern und von einem ganz hervorragenden Ensemble voller guter Schauspieler erzählt wurde, fällt die Note sogar überdurchschnittlich aus.

Kann natürlich auch daran liegen, dass ich für die ganz besondere Ästhetik von Schlachthofszenen dank Abitur-Sternchenthema Döblins Berlin Alexanderplatz extra viel übrig habe…

Die traurigste Feuerzangenbowle der Welt

…ist eine, die mit diesem Single-Bowle-Set zubereitet und getrunken wird. Wer macht denn so was und wer sollte das kaufen wollen?
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Das überflüssige Ein-Personen-Feuerzangenbowle-Set

Die Feuerzangenbowle ist per se ein Getränk, das in Gesellschaft getrunken werden muss und keines mit dem man sich einsam einen reinlötet. Den warmen wohligen Rausch von innen haben Chloe und ich in unseren frühen Studentenjahren häufig und gerne genossen und zwar mit unzähligen Mittrinkern aus dem krassen Gegenteil dieser schäbigen Einzeltasse da oben – aus einem riiiiiiiieeesigen Topf. Schließlich ist die Feuerzangenbowle DAS Getränk im Tübinger Winter. Man genießt sie zum Openair-Screening des gleichnamigen Films auf dem Haagtorplatz gemeinsam mit der halben Stadt.

Beim Gedanken an den historisch gekleideten Schankwirt, der die Leiter erklimmt,  um einen wahren Zuckerberg mit Rum zu tränken und ihn dann in den wunderschönen blauen Flammen schmelzen zu lassen, wird mir sofort ganz warm ums Herz. Chloe liebt es, meinen verklärten Blick zu imitieren, den ich regelmäßig aufsetze, wenn ich an dieses Ereignis denke. Hach – wie war das immer schön! Natürlich machten wir damals, wenn der Film vorbei war, noch an diversen Orten gerne weiter mit der „Sonne von innen“, gerieten oft in übermütige Laune, lieferten uns Wortgefechte mit anderen Punschtrinkern und lachten uns schlapp.

Das alles sollte man sich entgehen lassen – einsam und alleine vor der Einzeltasse hocken?

Liebe Leute, leiht euch den Film oder wenigstens eine Heinz-Rühmann-CD, macht nen großen Topf voll und ladet Freunde ein – nur so kommt man in die richtige Feuerzangenbowle-Stimmung!

Gewerkschaftsobama verstrickt sich im Multi-Level-Game

Tatort aus München, Um Jeden Preis, Sonntag, 18.10.2009

Note: Tatort ohne Mord – München wird alt, nicht vergleichbar

Vorschlag zur Güte liebe Müncher: lasst die uns so ans Herz gewachsenen Batic und Leitmayr den Dienst quittieren und gebt ihnen ein schickes Spin-Off. Da können sie in ihrer Männerfreundschaft schwelgen und weitere Geschichten aus der Vergangenheit ausgraben, vielleicht Partnerinnen suchen, finden und wieder verlieren und saufen und kicken und sich gegenseitig ankauzen.Vielleicht könnten sie in neuem Format auch den alten Weggefährten Carlo wiederfinden – das waren noch Zeiten!

Aber als Tatort-Kommissare sind die beiden ganz offensichtlich auserzählt, haben schon jeden denkbaren Fall gehabt und waren schon in allen möglichen Konstellationen – mal der eine mal der andere – befangen, haben sich zerstritten und am Ende wiedergefunden. Weil auch die Schreiber das wissen, halsen sie uns Zuschauern in ihren verzweifelten Versuchen neues Blut heranzuschaffen „Austauschkollegen“ auf – ja sind wir denn wieder in der Schule?

Und heraus kommt dann sowas, wie am Sonntag:

Ein Tatort ohne Mord und ohne größere Ermittlung. Eine grotesk als Hassobjekt ausgestellte Journaille, die als dieses aber schon genauso abgegriffen ist wie die guten Kommissare. Ein Kollege, der als kleiner pummeliger Klischee-Italiener selbstverständlich permanent die MAMA am Telefonino hat, die bayerischen Jungs beim Fußball foppt, aber auch mit Espresso und Tramezzini tröstet, garniert mit dem Satz: „Nicht’e traurig, lieber essen!“

Dabei hatte die Story durchaus was für sich. Die Geschichte des „Arbeiterführers“ Leo Greedinger, der im schicken Anzug eine „Agenda“ vorlegt und Gefahr läuft, den Kontakt zur Masse zu verlieren, weil er um jeden Preis seine Vision der global vernetzten Gewerkschaften verfolgen möchte, wirkte doch durchaus realistisch fast schon parodistisch, wenn man an die Zeiten denkt, als noch ein Gerhard S. Kanzler und die SPD eine Volkspartei war.

Dieser „Gewerkschaftsobama“ wird witziger Weise von Thomas Sarbacher verkörpert, der letzte Woche als Trüffelfan und Frauenmörder Lena O. bezirzte, hätte auch mal jemandem auffallen können, dass man das nicht unbedingt an zwei aufeinander folgenden Sonntagen bringt.

Greedinger ist verstrickt in ein allzu kompliziertes Spiel. Sein Job sieht ein typisches Two Level Game vor, er muss im Aufsichtsrat Entscheidungen mittragen und diese an der Basis den Arbeitern schmackhaft machen, umgekeht bei den Bossen das Beste für seine Klientel herausholen, ein ständiges Verhandeln an zwei Fronten also. Doch wer Ambitionen hat, hats noch schwerer und spielt auf viel mehr Levels. Beim modernen Gewerkschaftsgame muss er mit seinem Vater, der ein Arbeiterführer der alten Schule war, über die neuen Zeiten streiten, sich gegen intrigante Genossen aus den eigenen Reihen behaupten, vom Aufsichtsrat wird er wiederum in schmutzige Bestechungsgeschäfte hineingezogen und ob seiner charismatisichen Ausstrahlung auf den schwulen investigativen Journalisten Rainer Truss angesetzt, der die Sauerei aufdecken möchte. Blöd nur, dass der junge Idealist noch nicht so abgebrüht ist, wie der Agenda-Autor. Er baumelt zu Beginn des Tatorts an einer Brücke und bringt die Ermittlungen der Kommissare in Gang, denn dieser Suizid scheint doch ein wenig herbeigenötigt und soll zu schnell unter den Teppich gekehrt werden. Deshalb muss Greedinger dann auch noch ein Level gegen seinen alten besten Kumpel Batic und die Polizei spielen. Weil Ivo sich aber genau erinnert, welche Cheats der Leo schon als Kind drauf hatte, heißt es dann am Ende für den Gewerkschaftsobama:

GAME OVER

„Koks-Bonbons von Mutti“ und andere Karrierekiller

Eine mayner wenigen negativen Eigenschaften ist der auspeprägte Hang, durch die irrwitzige – und maynes Erachtens unwiderlegbare – Herstellung logischer Kausalzusammenhänge jegliche Schuld an was auch immer von mir zu weisen. Das hatte ich schon immer und ich bringe damit, seit ich sprechen kann, alle um mich herum zur Weißglut. In vorauseilendem Ärger fordert Charly mich manchmal heraus, bevor ich mit der Erklärung ansetzen kann:

Jetzt bin ich aber mal gespannt, wie du das wieder so hindrehst, dass ich schuld dran bin!

Kurz gesagt: ich bin die Königin der Ausreden. Zumindest dachte ich das, bis am Donnerstag die neue Ausgabe der ZEIT ins Haus geflattert kam. Das Dossier „Jäger und Gejagte“ über Dopingsünder und -fahnder, das ich leider nicht online finden konnte, war garniert mit einer kleinen aber äußerst feinen Spalte voller „Schöner Ausreden“. Nach dem Lesen legte ich sofort Krone und Zepter nieder. Vor den dort zitierten Aussagen musste ich einfach kapitulieren. Soviel Fantasie hätte ich Sportlern niemals zugetraut!

Ein ganz großes Schmankerl in vielerlei Hinsicht lieferte zum Beispiel Sprinter Denis Mitchell mit dem Machospruch

Die Lady hatte Geburtstag, sie verdiente was Besonderes

Trotz dieser aufopfernden Geste wurde er wegen seines erhöhten Testosteronwerts, den er mit 5 Bier und 4-mal Sex im Rahmen der Geburtstagsfeierlichkeiten erklärte, gesperrt. Maya maynt: What a man!

Rührend kindisch und naiv wirkt dagegen die Erwachsenenversion des Grundschulklassikers mein Haustier hat die Hausaufgaben gefressen von Radprofi Frank Vandenbroucke. Er verteidigte den Besitz des Mittels Clenbuterol damit, dass es für seinen asthmakranken Hund sei. Hat sogar geklappt, nicht wegen der tollen Ausrede allerdings, sondern dank eines Formfehlers.

Die absoluten Helden und meine neuen Vorbilder sind jedoch Tyler Hamilton und Gilberto Simoni oder die humorvollen Berater, denen folgende grandiose Ausreden eingefallen sind:

Wenn es auch mit dem Radeln nicht mehr klappt, einer zweiten Laufbahn als Science Fiction Autor dürfte bei dieser Kreativität nichts im Wege stehen. (Aus: Die Zeit, 15.10.2009)

Wenn es auch mit dem Radeln nicht mehr klappt, einer zweiten Laufbahn als Science Fiction Autor dürfte bei dieser Kreativität nichts im Wege stehen. (Aus: Die Zeit, 15.10.2009)

Peruanische Muttis und Tanten würde ich natürlich grundsätzlich unter Generalverdacht stellen. Bei den Simonis am Teetisch möchte man dann doch mal Mäuschen sein, das scheint ja hoch herzugehen dort. Und einen verstorbenen Zwillingsbruder als „natürliches“ Blutdoping hat sich wohl jeder Leistungssportler schon immer gewünscht. Die Kraft der doppelten Stammzellen. Ich lach mich schlapp.

Don`t cry for Chloe argentina…

Chloes Wunsch nach dem Reisepixie ist mir Befehl:

Maya, schmeiß schon mal das argentinische Weather Pixie an!

Wer einen Trip durch ein Land wagt, in dem es quasi alle Klimazonen gibt, der bekommt natürlich auch ein Wetterpüppchen mit umfassender Garderobe für alle Gelegenheiten – nur Funktionskleidung konnte ich beim besten Willen nicht finden.

Virtuelle Reisegarderobe - mehr als ein Rucksack voll!

Virtuelle Reisegarderobe - mehr als ein Rucksack voll!

Das Ergebnis lässt sich jetzt also wie immer in der linken Spalte bewundern und wir werden hier im winterlichen Deutschland bestimmt noch gelb vor Neid werden, beim Blick darauf.

Im Moment weint der Himmel über Buenos Aires leider, ich appeliere deshalb mit den Zeilen aus dem berühmten Musical Evita an Argentinien damit aufzuhören, denn schließlich soll Chloe einen Urlaub frei von Niederschlägen jeglicher Art genießen dürfen, auch wenn dank Tatort-Livestream für Unterhaltung an Regentagen gesorgt ist.

BUEN VIAJE!

Lena O.

Tatort aus Ludwigshafen „Vermisst“. Sonntag, 11.10.2009
Note: Den Glauben an den Tatort zurückgewonnen!!!

Wie Schade, dass ich gerade für diese Rezension so gut wie keine Zeit habe. Kurz vor Abflug bleibt mir nur zu sagen: Maya, schmeiß schon mal das argentinische Weather Pixie an! Maya, ab sofort gibt es in „Das Erste Mediathek“ ein Livestream der Tatort Folgen! Ha! Ich komme dann auch im Ausland legal an die Folgen ran… keine Rezensions-Not.

Zu Lena O.: Toller spannender Fall. Unkonventionelle Verquickungen & saubere Ermittlungen. Es machte sogar Spaß dabei zuzuschauen, wie Corinna Harfouch alle an die Wand spielte.

Und die Krönung? => Der Schluss!! Obwohl selbst der Zuschauer dem Charme des Mörders (bei dem die Schuld nach der Sühne folgt) erliegt, bringt es die integre Lena auf den Punkt: „Du hast einen Menschen umgebracht und fühlst Dich auch noch gut dabei! Die Todesstrafe ist abgeschafft. Sei froh!“ So oder so ähnlich erwischt uns die Moral eiskalt. Hut ab ! Mehr ! Mehr ! Mehr !

Schau in Chloes Augen

Maya droht mir bereits, dass sie Gabriel – der schon einige Therapeuten durch hat – um eine Telefonnummer bitten wird, wenn ich nicht bald aufhöre zu behaupten „Gefühlstod“ zu sein. Maya mahnte auch, ich solle endlich wieder bloggen. Also bemühe ich mich seit kurzem um lebendige Gedanken. Wann hatte ich das letzte Mal herzlich gelacht? Stimmt, Tim hatte es mal wieder geschafft!

Letzten Sonntag gammelten wir Stunden lang in Cafés am See herum und genossen den Indian Summer (Altweibersommer klingt nicht so berauschend). Tim, der mir gleich zwei Gläser Weißweinschorle vom Kiosk mitbrachte, dokumentierte mit seinem iPhone Chloes Gesicht im Herbstlicht. Als Herbsttyp bekommt mir diese Jahreszeit außerordentlich. Willi stichelte hingegen statt zu schmeicheln:

Bei dem Licht ist es doch keine hohe Kunst gut auszusehen. Aber warte mal… was ist das denn? Deine Augen, die strahlen in der Herbstsonne wie, wie: OCKER!

Tim haute auch noch druff:

Chloes Augenfarbe ist ein großer Schocker,

wie im Farbmalkasten der Ton rechts außen: Ocker!

Das brachte mich in der Tat herzlich zum Lachen. Selber Schuld, wenn ich meine Date-Anekdoten so offenherzig herumerzähle. Dass ich damit ewig aufgezogen werde ist klar.

Aber weil es so unfassbar ist, verfasse ich das ganze nochmals für den Blog.

Eines Tages traf es sich, dass Chloe in Berlin ihr Date „Jobst, Joghurt auf Obst“ (Maya muss jeden Mann verbal zum Ritter schlagen) auf einen Kaffee traf. Erst wollte der Kerl mit mir den Fernsehturm hoch, dann (bei Regen!) in eine Spree-Strandbar. Ich bremste aus und erlaubte nur eine Stunde (meine mächtige Hauptstadtfreundin Maya säße mir im Nacken) zum Kaffee! Mitten im Verhör – kann man es fassen! Er fragte, was ich mehr möge, Kaffee oder Tee, Hunde oder Katzen? – fror sein Blick beim Anblick meiner Augen ein.

Ich bin das natürlich gewohnt. Seit Jahren erstaunen meine Mitmenschen ob meiner undefinierbaren Augenfarbe. „Sind die echt oder hast Du gefärbte Kontaktlinsen drin?“ – „Eine solche Farbe wird wohl nur noch in abgelegenen albanischen Bergdörfern kredenzt“. Auch Moma hat schon in der Abendsonne am Frankfurter Bahnhof den güldenen Strahl meines Blicks bewundert. Verklärte Bildungsbürger verglichen die Undurchsichtigkeit meiner Augen auch schon mal mit denen von Serpentina, der Figur aus ETA Hoffmanns „Der goldene Topf“. Aber tiefblau sind sie nicht… wahrscheinlich blieb nur die Assoziation der goldgrünen Schlangen haften. Denn goldgrün passt!

Jobst hingegen sah das anders: „Wie… wie… OCKER !!“

Chloe verschluckte sich fast am Kaffee: „Ocker?“ Diese Farbbezeichnung hatte sie selbst zum letzten Mal in ihrem Leben in einem Pelikan Farbmalkasten gelesen. Eine Farbe, mit der keiner malen wollte, die nie leer wurde.

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Das Date war erledigt. Der Schock saß jedoch tief. Einen Monat später fand ich mich mit einer Freundin bei einem Schminkkurs wider. Die Kosmetikerin wählte für mich einen intensiven lila Lidschatten aus. Das passe so gut zu meiner Augenfarbe. Nun zuckte ich schon innerlich zusammen. Das gewohnte Spiel ging los: „Was ist das eigentlich für eine Augenfarbe? Grün, braun, gold…“ – Ich setzte dem trostlosen Raten ein Ende: „Ein Date meinte mal: Ocker!“ Die ganzen liebreizenden Seerentnerinnen um mich herum brachen zusammen vor Lachen: „Ocker? Da hätte er ja gleich Schlamm sagen können!!“

Eine Woche drauf besuchte ich eine Freundin in München. Wir saßen gerade in der S-Bahn, als mir die Sonne direkt in die Augen schien. Die Schwester meiner Freundin setzte schon an: „Wow. Was hast Du denn für eine Augenfarbe? Die sieht aus wie…“ Ich befürchtete wieder nur das Schlimmste. „…wie: Bernstein!“ Nun gut, seitdem bin ich wieder etwas mit meiner Augenfarbe versöhnt.

Und einen Therapeuten, liebe Maya, brauch ich wirklich nicht! Sobald der mir tief in die Augen schaut, ist es doch eh um ihn gelaufen. Das bringt mich doch nicht weiter…

Unter Pennern

Tatort aus Köln „Platt gemacht“, Sonntag 4.10.2009, 20.15 Uhr

Gut gedacht, schlecht gemacht – Trivial, überzeichnet, fehlbesetzt, bisschen spannend - 3-4

dietmar bär hat coole mütze im tatort

so uninteressant war der Tatort, dass die Menschen vor lauter Langeweile die Mütze des Kommissars googleten. Chloe und ich sind uns nach kurzer Lagebesprechung einig: die Mütze war echt nichts besonderes. Während die Madame am See sich an die 90er Kangoo-Caps erinnert fühlte, fiel mir Heinz Beckers Kappe ein, COOL – lieber Googler – ist anders.

Allerdings sagt die Anfrage doch einiges über die Qualtität des Tatorts aus Köln aus. Der trat zwar ambitioniert mit einem sozialkritischen Thema und einem spannenden Fall an – zwei Tote mit Glykolvergiftung im Pennermilieu – machte den Ansatz aber durch ganz platte Nebenhandlungen und schreckliche Überzeichnungen nieder. Wer sich mit dem Leid von Obdachlosen auseinandersetzen und etwas darüber erfahren möchte, der lese den Erfahrungsbericht von Günther Wallraff in der Zeit. Hätten sich die Tatort-Schreiber mal lieber davon inspieren lassen anstatt vom Lokalkolorit-Song „Alles verlore“ der unerträglichen Karnevalsband Höhner.

Was wir hier geboten bekommen ist ein fein nach dem Rezept des Trivialromans zusammengemanschtes Kriminalragout.

Man nehme einen Haufen Gegensätze:

die ärmsten der Armen – eine Horde Obdachlose inklusive einer jungen schönen Stricher-Leiche

die reichsten der Reichen – Plastische Chirurgen, Anwälte, Elektromarkt-Imperien-Besitzer

zwei aufrechte und einen gefallenen Helden – die Kommissare Ballauf und Schenk sowie ein ehemaliger Kollege und jetzt Privatdetektiv

eine große Portion Schicksalschläge – hier eine HIV-Infektion, da ein tötlicher Autounfall, der die Familie des Ex-Polizisten zerstörte. Dieser griff aus Trauer zur Flasche und musste den Polizeidienst quittieren. Der Unfallverursachers tut nun seine Buße, indem er als Obdachloser lebt und dauernd jedem, der es hören mag oder nicht, ein situationsbezogenes Zitat aus der Hochliteratur  hinwirft.

eine große Aufregung, die alle Beteiligten zusammenbringt – unter den Obdachlosen treibt ein Mörder sein Unwesen, er killt die Leute perfide mit Frostschutzmittel in teuren Weinflaschen – wer sollte da widerstehen können…

Jung und alt, reich und arm, Betroffenheitsgeschwafel, schwere Schuld und Läuterung, Selbstjustiz, Undercover-Obdachlosen-Einsätze, böse Kioskbesitzerinnen, gierige Erbschleicherei, seltsame Kommissarhintergrundstorys

Alles klar? Dieser Eintopf ist eindeutig überwürzt.

Am Ende hat man einiges Sodbrennen und muss sich erstmal sortieren und zusammenreimen, was einem da alles serviert wurde.

Verdauliche Bestandteile:

Die Aufklärung der verschiedenen Fälle verlief einigermaßen spannend. Der junge Stricher hat sich selbst vergiftet, der zweite Tote fiel einer Verwechslung zum Opfer, weil er dem wahren Ziel des Anschlags – dem Buße-Penner Beethoven – den Mantel geklaut hatte. Der zweite und dritte Mordversuch an Beethoven durch den Detektiv, dessen Familie er damals in einem Unfall getötet hatte und durch die Anwältin, die seine Cousine ist und das Elektro-Imperium alleine erben möchte, konnten verhindert werden. Der Penner Beethoven ist nämlich in Wahrheit steinreich. Da waren schon ein paar irreführende Fährten gelegt, denen man hätte auf den Leim gehen können, wäre da nicht die andauernde Empörung über

die unverdaulichen Bestandteile:

Ich liebe Udo Kier, aber an der Darstellung einer derart fehl-konstruierten Figur muss auch er scheitern. Ich nehme ihm das nicht ab, dieses selbstauferlegte Leben auf der Straße, wo er natürlich allen Anfeindungen standhält, weder schnorrt noch trinkt, noch stinkt, denn als Erbe einer Unternehmerfamilie gehört er ja gar nicht hier her und das Schnorren, Saufen und Stinken, davor schützt einen natürlich die bei Elektromarkt-Betreibern übliche hochkulturelle Bildung (Mediamarkt – „Ich bin doch nicht blöd“???). Ich finde das ziemlich zynisch. Unverständlich ist auch, dass er dann plötzlich am Ende des Films doch wieder aus der Gosse auftaucht und im schnieken Anzug einen Großteil des Erbes an eine Obdachlosenstiftung spendet. Genug gebüßt – ab jetzt gibt er seine Orgelspielkünste und literarischen Anspielungen wieder der vornehmen Gesellschaft zum Besten.

Ebenfalls indiskutabel ist der Plastische Chirurg, der ein Verhältnis mit dem suizidalen Stricher hatte und dem Kommissar Ballauf bei jeder Gelegenheit eine neue Nase aufschwätzen möchte – Klischeealarm hoch zehn.

Dass der fette Mützenträger Schenk ausgerechnet die mörderische Anwältin anheuert, um den besagten Schönheitsdoktor auf Schadenersatz wegen des missglückten Facelifts seiner Frau zu verklagen, hat mir den Eintopf endgültig vergällt.

Kölner Tatort bestelle ich nicht so bald wieder!